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Grüße aus dem Kibbutz                                                                        Dienstag, 12. Juli

 

 

Die Zeit vergeht schnell, und Internet-Anschluss habe ich hier nur sporadisch. So kommt wesentlich später als eigentlich geplant mein erster „Kurzbericht“ - der jetzt sicherlich etwas länger ausfallen wird. Das Wichtigste vorweg: Es geht uns nach wie vor gut; alles ist soweit in Ordnung!

 

Abgesehen davon, dass heute wieder ein Terroranschlag in Israel gemeldet wird. Zum ersten Mal seit Monaten. Was bedeuten kann, dass die Kontrollen zu den Palästinensergebieten wieder verschärft und das Reisen nach und von Nablus schwieriger – vielleicht sogar für einige Zeit unmöglich – werden kann. Bis jetzt war es eigentlich überraschend problemlos. Relativ. Zwischen Nablus und Jerusalem sind mehrere Checkpoints. Bisher haben sich die Wartezeiten aber nur zwischen 5 und 10 Minuten, einmal 20 Min., bewegt. Um diese Checkpoints sind kleine Märkte entstanden. Fliegende Händler verkaufen alle möglichen Waren, und zu jeweils beiden Seiten gibt es kleinere und größere Parkplätze für Sammeltaxis. Wer mit dem Auto über einen Checkpoint will, muss meistens länger in einer Autoschlange warten. Einfacher ist, mit dem Taxi zu fahren, vor dem Checkpoint auszusteigen, zu Fuß durchzugehen und auf der anderen Seite wieder in ein anderes Taxi umzusteigen. Mit meinem deutschen Pass, meinen Hebräischkenntnissen plus einem Empfehlungsbrief vom Leiter der Ausgrabungen hier bin ich bisher recht gut durchgekommen.

            Auch der Grenzübertritt am Jordan bei Jericho, von Jordanien aus, verlief Gott-sei-Dank ohne substantielle Schwierigkeiten. Ich bin ja zunächst nach Amman in Jordanien geflogen; das war am 2. Juli. Der Schwiegervater arbeitet bei der Könglich jordanischen Fluggesellschaft, und ich bekam diesmal sogar einen Platz in der 1. Klasse (zum Preis der 2.) – und musste für die ca. 100 kg Gepäck (!!! – Mitbringsel für die Verwandtschaft und Bücher), die ich mitschleppe, keinen Aufpreis zahlen… Am Flughafen haben mich der Schwiegervater und der kleine Josef abgeholt. Letzterer hat sofort und ohne Zögern angefangen, Deutsch mit mir zu sprechen, obwohl er ja mit seiner Mutter und dem noch kleineren Adam schon seit mehreren Wochen dort war. Er muss dabei aber gelegentlich nach Wörtern suchen und man merkt, dass im Moment Arabisch seine Umgangssprache ist. Die ganze Verwandtschaft staunt, dass er mit seinen knapp 5 Jahren alle 28 Buchstaben des arabischen Alfabets in der richtigen Reihenfolge aufsagen kann – was hier sogar unter Erwachsenen eher selten ist. Und außerdem kann er den Ruf des Muezzin… Adam, der am 30. Juli seinen 1. Geburtstag haben wird, hat einen Tag vor meiner Ankunft seine ersten selbständigen Schritte getan und inzwischen läuft er schon ganz munter durch die Gegend. Er hat jetzt 5 Zähne, 2 unten und 3 oben.

In Amman blieben wir dann nur noch zwei Tage. Der erste ging mit Behördengängen drauf, weil der Schwiegervater meinte, Samaher könnte mit der Ausreise über die Jordanbrücke Schwierigkeiten bekommen, da sie ja nun keinen jordanischen Pass mehr hatte. Alle Stellen, zu denen wir uns deswegen durchgeschlagen haben, meinten aber, dass das kein Problem sein sollte – und das war es dann auch nicht. Die potentiellen und auch tatsächlichen Schwierigkeiten mit dem Jordan-Grenzübergang hängen damit zusammen, dass die Grenze von Jordanien aus nicht als solche anerkannt wird, weil auf der anderen Seite kein anerkannter Staat ist (sondern Westbank, also israelisch besetztes Gebiet). Den zweiten Tag gingen wir auf Schatzsuche. Sehr zur Begeisterung von Josef, der schon immer gerne Schatzkarten zeichnet. Ein Verwandter kennt jemand, der einen Freund hat, der meint, unter seinem Haus sei ein Schatz vergraben. Da dachte man, ein Archäologe müsste doch zum schnelleren Erfolg verhelfen können. Ich meinte, es könnte sich ja um etwas archäologisch Interessantes handeln, und so fuhren wir in einen Ort bei Amman, wo dieser arme Mensch lebt. Er hat vor fünf Jahren seine Arbeit aufgegeben und seitdem in seinem Garten einen Tunnel ausgehoben und sich insgesamt ca. 8 m (!) tief und dann ca. 12 m waagrecht unter sein Haus gewühlt. Sein ganzer Garten besteht aus Aushubhaufen. In den Tunnel musste ich mich senkrecht abseilen (keine Angst – Josef ist draußen geblieben), und dann auf allen Vieren robben. Zu finden war dort freilich überhaupt nichts und wird auch nicht sein, weil der Boden offenbar vollkommen unberührt und durch und durch natürlich war. Das allerdings hat mir der nicht geglaubt und so wird er wohl noch lange weitersuchen.

Dann also die Reise über den Jordan. Man braucht dafür sehr viel Geduld. Schon auf der jordan. Seite wartet man lange, bis man in einen eigenen Bus einsteigt, der einen das kurze Stück über eine Brücke auf die andere Seite fährt. Als zum ersten Mal die israelische Fahne zu sehen war, meinte Josef, ob das wohl die Fahne von Balata (das ist das Dorf am Rand von Nablus, zu dem wir unterwegs waren) wäre; Samaher fand das nicht lustig. Auf der israelischen Seite waren dann noch sehr viel längere Wartezeiten. Unendliche Schlangen an der Passkontrolle. Zu unserer großen Erleichterung wurden wir aber alle vier reingelassen und dabei eigentlich auch durchaus freundlich behandelt (Die Befürchtungen hatten u.a. damit zu tun, dass in Samahers deutschem Pass groß und deutlich „Nablus“). Dann riesengroßes Chaos um das Gepäck. In einem großen Saal warteten Hunderte von Koffern darauf, von ihren Besitzern irgendwie wiedergefunden zu werden. Drei fanden wir, Nr. 4 fehlte. Nach langer Zeit stellte sich heraus, dass er zur Kontrolle zurückgehalten worden war. Mir war das zunächst nicht geheuer, weil ich einiges auf Arabisch drin hatte – doch darum ging es offenbar nicht; der Koffer wurde in unserer Gegenwart kurz geöffnet und dann freigegeben; es war wohl nur eine Routine-Stichprobe.

Somit waren wir wieder im Lande (auf einen Namen will ich mich nicht festlegen) – zum ersten Mal seit unserer Hochzeit vor sechs Jahren – sehr aufregend für uns beide. Wir fuhren mit dem Taxi über Jericho und die judäische Wüste (für die kenne ich keinen anderen Namen) hinauf in die Berge von Samaria, bzw. der nördlichen Westbank. Alle Checkpoints wurden problemlos durchquert, selbst ohne Staus, und so kamen wir am Abend in Balata an. Die Wiedersehensfreude war groß. Es leben dort in einem großen Haus mit insgesamt sechs separaten Wohnungen Samahers Großmutter (der Großvater ist vor Kurzem leider gestorben) und fünf von deren Söhnen (Onkel von Samaher) jeweils mit ihren Frauen und Kindern. Die Verhältnisse muss man sich recht einfach vorstellen. Im Haus geht es sehr lebendig zu; die Kinderschar (jetzt einschl. Josef) tollt den ganzen Tag im Kollektiv in und um das Haus herum. Die Frauen (jetzt einschl. Samaher) sitzen meistens in irgendeiner der Wohnungen alle zusammen, kochen und ratschen den ganzen Tag. Es ist genau das, was Samaher bei uns in München am allermeisten vermisst – das ständige, ganz selbstverständliche Eingebundensein in die (große) Familie und Nachbarschaft.

Es gab viel zu erzählen – ganz besonders vom April 2002, den sie hier den „schwarzen April“ nennen. Nachdem ein Terrorist (nennt man dort nicht so, ist es aber) sich bei einer Sedernachtfeier (jüd. Osterfest) in die Luft gesprengt hat, hat die israel. Armee Städte in der Westbank angegriffen; Jenin ist dabei zu trauriger Berühmtheit gelangt. Aber auch in Nablus war regelrecht Krieg. Man sieht in der Stadt schwerste Zerstörungen, auch in der Altstadt. Häuser wurden zerbomt und beschossen. Es gab 72 Tote und ungezählte Verletzte. Auch das Haus unserer Famile wurde beschossen; einmal landete ein Treffer in einem der Schlafzimmer – da, wo die Oma geschlafen hätte, wenn sie nicht zufällig die Nacht wegen einer Hochzeit bei Bekannten verbracht hätte… Die Granaten wurden von einem Armeeposten vom Berg Gerizim herunter geschossen, den die Bibel den „Berg des Segens“ nennt… Das alles ist Gott-sei-Dank vorbei; es besteht keinerlei akute Gefährdung. Aber die Stimmung ist verheerend und wenn ich darüber weiter berichten wollte, bräuchte ich noch viele Seiten. In der Familie selbst sind verschiedene Meinungen zu hören – die einen hoffen, dass es der neuen Palästinenserführung gelingen wird, die Lage weiter zu verbessern, die anderen wollen den totalen Krieg bis zum Endsieg.

Akutere Sorgen hat uns zunächst gemacht, dass unser vielgereister Josef zum ersten Mal richtig Heimweh bekommen hat! Am Abend unserer Ankunft in Balata ist er auf einmal in Tränen ausgebrochen und wollte „heim“ (womit er München gemeint hat). Das hat weh getan! Gott-sei-Dank ist es ihm am nächsten Tag schon wieder vergangen. - Als wir gleich hinter dem Haus den Tell (den alten Siedlungshügel) der biblischen Stadt Sichem besucht haben – für mich einer der interessantesten Plätze des Landes – hat Josef in den Mauern des kanaanäischen Baaltempels (leider keinen Skarabäus aus Stein, sondern) eine lebendige Schildkröte gefunden, die ihm nun gehört.

 

Für die Ausgrabungen in dieser und den kommenden drei Wochen bin ich von „Palästina“ nach „Israel“ gereist. Samaher bleibt mit den Kindern in Balata und an den Wochenenden will ich zu ihnen fahren (wenn das jetzt nach dem neuen Anschlag noch möglich ist). Dazu bin ich zunächst von Nablus nach Jerusalem. Wie gesagt, ohne große Schwierigkeiten; man muss nur mehrmals die Sammeltaxis wechseln. Von der Heiligen Stadt Jerusalem sah ich als erstes die irrsinnige Trennmauer – am Checkpoint nördlich der Stadt ist sie gerade in Bau. Zu meiner Jerusalem-Zeit wäre so etwas ganz unvorstellbar gewesen… Als ich zum ersten Mal nach all den Jahren, in denen so viel passiert ist, wieder in Jerusalem war, kam ich mir zunächst vor wie in einem Film. Viel ist gebaut worden, auch neue Straßen, die ich nicht kannte. Und trotzdem – nachdem ich nur kurze Zeit in der alten und neuen Stadt herum gelaufen war, fühlte ich mich schon, als ob ich überhaupt nicht weg gewesen wäre…

Von Jerusalem aus fuhr ich dann zum Kibbutz Kfar Menachem, ca. 1 Stunde Fahrt südwestlich von Jerusalem, da, wo die Küstenebene ins Hügelland übergeht. Hier wohnt die Grabungsmannschaft. Die meisten sind in Gemeinschaftsräumen untergebracht; ich habe ein kleines Kibbutz-typisches Häuschen bekommen, eine Art Apartment, sehr sehr einfach. Es ist gut warm hier. Jetzt hat es draußen gerade 28°, und es ist 22.00 Uhr. Von den Ausgrabungen will ich das nächste Mal erzählen – denn wir müssen hier früh raus (um 4.45 Uhr).

 

Bis dahin viele Grüße aus dem Kibbutz,

 

Stefan