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Grüße von den Philistern!                                                                     Mittwoch, 20. Juli

 

 

Weiterhin ist bei uns alles Ordnung. Was sich im Gazastreifen tut, entnehme ich genauso den Radio- und Fernsehnachrichten, wie man das wohl in Deutschland tut. Wir sind hier weit außerhalb der Reichweite der Kassam-Raketen. Nur die schrecklich vielen orangen Bänder an den Autos fallen deutlich auf – sie sind Zeichen des Widerstands gegen den geplanten Abzug der israelischen Siedler aus dem Gazastreifen.

 

Das Wochenende habe ich wie geplant bei Samaher und den Kindern in Balata bei Nablus verbracht. Zwar sind die besetzten Gebiete seit dem letzten Terroranschlag offiziell geschlossen – aber es hat sich gezeigt, dass das offenbar in erster Linie bedeutet, dass Palästinenser nicht heraus dürfen, oder nur mit besonderer Genehmigung. Das freilich ist eigentlich immer so, sodass an den Checkpoints praktisch kein Unterschied zur vorigen Woche zu erkennen war. Ich jedenfalls konnte am Freitag rein und am Sonntag Morgen wieder raus.

 

Nun wollte ich diesmal von der Grabung berichten. Sensationen gibt es (noch) keine zu vermelden. Wir graben auf dem Tell es Safi – das ist nach ziemlich übereinstimmender Meinung der Archäologen die biblische Stadt Gath der Philister, aus der jener Goliat stammte, der hier ganz in der Nähe von David mit der Steinschleuder zur Strecke gebracht worden sein soll. Den Philistern verdanke ich für dieses und die nächsten beiden Jahren eine halbe Stelle – sie sind Thema eines Forschungsprojekts, das von der Deutsch-israelischen Stiftung für Wissenschaft und Forschung finanziert wird. Die Teilnahme an der Grabung findet im Rahmen dieses Projekts statt. Meine Aufgabe ist eigentlich, die Sprache der Philister zu bearbeiten. Das ist u.a. schon deshalb nicht ganz einfach, weil es bisher nur sehr sehr wenige Texte in Philister-Sprache gibt. Für mich wäre also das großartigste Ergebnis dieser Grabung, wenn wir Texte finden würden – doch ist das eher unwahrscheinlich.

 

Die Philister sind in dieses Land, das später nach ihnen „Palästina“ benannt wurde, eingewandert – vielleicht aus dem griechischen Raum, doch gesichert ist ihre Herkunft noch keineswegs. Im Lauf der Zeit haben sie offenbar die einheimische, kanaanäische Sprache und Schrift übernommen. Spannend wäre, herauszufinden, welche Sprache sie ursprünglich sprachen. Vorigen Donnerstag hielt Prof. Larry Stager, ein amerikanischer Archäologe, der die Stadt Aschkelon ausgräbt – ebenfalls eine Philisterstadt – für uns hier einen Vortrag über seine jüngsten Ergebnisse. Interessant war nicht nur, dass die Philister gerne Schweinefleisch gegessen haben (auch damals schon keine Selbstverständlichkeit in diesem Land), sondern ab und zu offenbar auch gerne mal junge Hunde… . Noch interessanter war, dass in Aschkelon ein Ostrakon (eine beschriftete Tonscherbe) mit einer neuartigen Schrift gefunden wurde, die eine Variante der minoischen Schrift von Kreta zu sein scheint, und die die lange gesuchte Philister-Schrift sein könnte! Eine Sensation – wie wir sie hier auch gerne hätten… Und außerdem hat Stager in Aschkelon auch noch ein ägyptisches, hieratisches Ostrakon gefunden, was ich hier ebenfalls ganz gerne hätte…

 

Wir bescheiden uns bisher mit sehr vielen unbeschrifteten Scherben; wenigstens sind sie gelegentlich sehr hübsch dekoriert, mit dem für die Philister typischen Vogel- und Spiralendekor. Heute haben wir in unserem Areal den bisher schönsten Fund gemacht – eine vollkommen intakte Öllampe. Sie lag auf dem Fußboden eines Raums, der im 8. Jahrhundert v. Chr., als die ganze Stadt zerstört wurde, abbrannte. Danach war der Ort, zumindest in diesem Areal, lange Zeit nicht mehr bewohnt. Direkt über dieser eisenzeitlichen Schicht fanden wir mittelalterliche Gräber, vielleicht aus der Kreuzfahrerzeit, denn auf dem Gipfel des Hügels befinden sich die Ruinen der Kreuzfahrerburg „Blanche Garde“. Ein späteres Grab war besonders eindrucksvoll: das Skelett einer offenbar jungen(?) Frau, die ein Baby im Arm hielt! Vielleicht sind beide bei der Geburt gestorben? Ein kleiner Krug, der auf dem Grab lag, datiert es in die osmanische Zeit.

Ein arabisches Dorf hat es auf dem Tell bis zum Unabhängigkeitskrieg von 1948 gegeben. Die Einwohner wurden damals vertrieben oder sind geflohen (je nachdem, wen man fragt) – sie, bzw. ihre Nachkommen, leben seitdem in Flüchtlingslagern im Gazastreifen. Nur ein Beduinenstamm ist in der Gegend geblieben, und hält bis heute am und um den Tell herum Kühe und Schafe.

 

Der Tell selbst ist ein sehr ausgedehnter, natürlicher Hügel, mit weitem Blick: man schaut nach Westen über die Küstenebene bis zu den südlichen Vororten von Tel Aviv (rechts) und bis zum Gazastreifen (links), und in der anderen Richtung über die Hügel der sogenannten Schefela hinauf zu den judäischen Bergen, bis zu den Regionen von Jerusalem, Betlehem und Hebron. Der Hügel ist steinig, mit typisch mediterraner Macchia, mit Thymian und Disteln bewachsen.

 

Es wird an mehreren Stellen gegraben; zwei Grabungsquadrate von je 5x5 m, mit je 2-3 Mitarbeitern, werden von mir gemanagt. Die ganze Mannschaft besteht aus ca. 70 Personen – Studierenden der Bar-Ilan-Universität und Freiwilligen aus der ganzen Welt, die ca. 250 Euro pro Woche bezahlen, um in biblischer Erde mitgraben zu dürfen.

 

Wir wohnen im nahe gelegenen Kibbutz Kfar Menachem. Die Unterkunft ist bescheiden. Die meisten wohnen in 4-6-Bett-Zimmern; ich habe immerhin einen der üblichen, kärglich eingerichteten Kibbutz-Bungalows bekommen. Verpflegt werden wir leidlich, in der Kantine einer dem Kibbutz angeschlossenen Schule (die Kinder müssen einem Leid tun…). Der Kibbutz hat einen kleinen Supermarkt, eine Arzt- und Zahnarztpraxis, eine kleine Fabrik für Metallverarbeitung, eine ausgedehnte Hühnerzucht und Landwirtschaft.

 

Unser Tagesablauf beginnt mitten in der Nacht um 4.45 Uhr. Viele der Teilnehmer sind religiöse Juden, die gegen 5.00 Uhr Morgengebet abhalten. Dann ein kurzes Frühstück und um 5.30 Uhr Abfahrt zum Tell. Gearbeitet wird von 6.00 – 13.00 Uhr, mit einer Frühstücks- und einer Obstpause um 9.00 und um 11.00 Uhr. Grund für die frühe Schicht ist natürlich die Hitze, der man möglichst zuvor kommen möchte. Es wird tagsüber tatsächlich sehr heiß, 30-36°, bei relativ hoher Luftfeuchtigkeit; d.h. es ist schwül und man schwitzt eigentlich Tag und Nacht. Selbst in den „kühlen“ Morgenstunden hat es noch deutlich über 20°. - Nach dem Mittagessen müssen dann die Scherben gewaschen werden, was täglich bis zu 2 Stunden und länger dauert; dann müssen die Scherben bestimmt werden (d.h. den jeweiligen Perioden zugeordnet). Für die Mitarbeiter des „Teams“ fallen außerdem noch Registraturarbeiten an, Fundlisten führen, täglich Pläne zeichnen. Um 19.30 Uhr ist Abendessen, und danach häufig noch ein Vortrag. Viel Zeit und auch Kraft für anderes bleibt da nicht; auch nicht für Internet – ich komme nur sehr sporadisch dazu, meine E-mails abzurufen und habe dann auch oft nicht die Zeit, gleich zu antworten – bitte um Verständnis! - Und so freut man sich dann auf den Samstag, den Schabbat, als das, was er sein sollte: ein Ruhetag. Meinen werde ich wieder in Balata verbringen.

 

 

Herzliche Grüße,

 

Stefan