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Grüße von den Archäologen!                                                               Mittwoch, 3. August

 

 

diesmal kann die Rundmail kürzer ausfallen: es hat sich sowas wie Routine eingestellt. Das Hin- und Herfahren zwischen Nablus und dem Kibbutz funktioniert; die Kontrollen an den Checkpoints haben das anfänglich Aufregende und Abenteuerliche inzwischen weitgehend verloren und kommen mir höchstens noch lästig vor. Trotzdem bleibt dieser wöchentliche Wechsel anstrengend, mindestens psychisch: Wenn ich in Jerusalem von der (arabischen) Altstadt im Osten zur modernen Fußgängerzone im Westen gehe, dann kommt es mir vor, als würde ich von einem Land in ein anderes wechseln. In Nablus hingegen komme ich mir vor, wie auf einem anderen Planeten. Alles, die Äußerlichkeiten, die Lebensbedingungen, aber auch das Denken und Handeln der Menschen, sind von dem, was bei uns als „normal“ gilt, unendlich weit entfernt… Demgegenüber ist der Kibbutz fest in „unserer“ westlichen Welt beheimatet. Hier gibt es viele Menschen (entschieden mehr als umgekehrt), die erklären, dass sie bereit sind, den Arabern im Land „ihren Platz“ zuzugestehen; dabei haben sie meist von der Welt, in der Palästinenser leben, nicht die geringste Ahnung. Die Mauer und der Zaun, die jetzt gebaut werden, werden das Zusammenprallen der Welten hier, auf so engem Raum, vielleicht mildern; sie werden aber ganz sicher die gegenseitige Fremdheit noch weiter verstärken.

 

Am 30. Juli hatte unser Adam seinen 1. Geburtstag. Es war ein Samstag, sodass ich bei der Familie, in Nablus, sein konnte. Er läuft jetzt schon ganz munter, wenn auch immer noch ziemlich wacklig, durch die Gegend. Sieht sehr süß aus! Richtig feiern wollen wir den Geburtstag dann zusammen mit Josefs fünftem, der am 19. August bevorsteht.

 

Auf der Grabung hat sich Einiges getan. Wir haben ein weiteres Grab gefunden, sind uns aber nicht sicher, ob es zur Kreuzfahrerburg gehört, von der wir gleich daneben einen massiven Turm ausgegraben haben, oder ob es arabisch ist. Ich finde, es hat etwas Tröstliches, dass man den Unterschied gar nicht mehr erkennen kann. Es war eine ganze Familie, Vater, Mutter und ein Kind, die offenbar gleichzeitig bestattet wurden. Der Kopf des Kindes lag auf der Brust der Mutter und der Kopf der Mutter auf der Brust des Vaters. Die Frau hatte eine Kette aus einfachen Schmuckperlen um, einen bronzenen Armreif, und einen wunderschönen Parfumflacon aus Glas dabei – sicherlich der schönste Fund der ganzen Grabung. Die Knochen werden übrigens, nachdem sie untersucht wurden, an anderer Stelle wieder begraben.

 

Der interessanteste Fund aber, der, auf den ich schon die ganze Zeit warte, kam vorgestern: eine Inschrift. Erst beim Säubern der Keramik wurden auf einer kleinen Tonscherbe eingeritzte Buchstaben bemerkt. Die Schicht, in der die Scherbe gefunden wurde, datiert vermutlich ins 10. Jahrhundert v. Chr. Die Schrift ist kanaanäische Alfabetschrift, aber über die Sprache sind wir uns noch nicht einig. Sie könnte ebenfalls Kanaanäisch sein (aus dem sich u.a. das Hebräische entwickelt hat), es könnten aber auch Worte, oder vielleicht Personennamen, in der gesuchten, ursprünglichen Sprache der Philister sein (die vielleicht mit dem Griechischen zu tun hat). Möglich scheint mir sogar, dass der Name der Stadt Gat in der einen kurzen Zeile, die auf der Scherbe erhalten ist, vorkommt. Das freilich wäre höchst bemerkenswert, denn dass es sich bei dem Hügel, auf dem wir graben, dem Tell es-Safi, um die biblische Philisterstadt Gat handelt, ist zwar sehr wahrscheinlich; bisher fehlt aber noch der letzte Beweis. Wenn nun wirklich „Gat“ auf der Scherbe steht, wäre dieser Beweis erbracht. Es wird jedoch noch eine ganze Menge Kopfzerbrechen erfordern, bis darüber Klarheit herrscht.

 

Weitere Funde sind nun nicht mehr zu erwarten, denn die Grabung ist seit heute im Prinzip beendet. Die Grabungsareale werden nun morgen und übermorgen noch sehr gründlich abgebürstet und gesäubert und dann fotografiert. Ganz zum Schluss wird es dann am Sonntag noch einen recht außergewöhnlichen Höhepunkt geben: der israelische Staatspräsident Moshe Katzav hat seinen Besuch angekündigt. Und da ich hier im Rahmen eines deutsch-israelischen Gemeinschaftsprojekts mitarbeite, und in diesem Jahr 40 Jahre deutsch-israelische Beziehungen gefeiert werden, haben wir auch den deutschen Botschafter mit dazu eingeladen. Darüber dann mehr in der nächsten Rundmail.

 

 

Herzliche Grüße,

 

Stefan