[Startseite]
Startseite
Ph.D.
Veranstaltungen
Reisen
Stadtführungen
Israel/Palästina
Ägyptologie
Archäologie
Zeitgeschichte
Judentum
Christentum
Islam
Fremdsprachen
Biografie
Bibliografie
Mediografie
Links
Kontakt+Impressum

Grüße vom Präsidenten!                                                                 Mittwoch, 10. August

 

 

 

Nun ist die Grabungssaison beendet. Die letzten Tage bestanden nur noch aus Aufräumen und gründlichem Abbürsten der gesamten Areale. Am Freitag kam eine Firma, die einen mehrere Meter großen Zeppelin an zwei Leinen hat steigen lassen; unten am Zeppelin war eine Kamera angebracht, die vom Boden von einem Laptop aus gesteuert werden konnte. Auf diese Weise wurden vom ganzen Grabungsgebiet Luftaufnahmen angefertigt. Solche Bilder, genau senkrecht von oben, sind für die Dokumentation und später die Publikation von großem Wert.

Als die Aufnahmen fertig waren, bemerkte einer von uns, dass an einer Stelle noch ein flacher Basaltstein aus dem Boden ragte, der offenbar durch das gründliche Bürsten zum Vorschein gekommen war. Es schien sich um einen Reibstein zu handeln, wie man ihn zum Mahlen von Getreide verwendet hat. Er wollte ihn schnell noch bergen, da wir ja erst nächstes Jahr wiederkommen, und bis dahin das ganze Gelände weitgehend offen zugänglich bleibt. Dabei merkte er, dass der Stein noch fest in der Erde steckte und begann, drumherum etwas Erde wegzukratzen. Der Stein wurde immer größer und größer; außerdem kam unmittelbar daneben der Rand eines Topfes zum Vorschein. Was erst nur eine große Scherbe zu sein schien, wurde ebenfalls immer größer. Und schließlich hatten wir – ohne es zu wollen – noch ein riesengroßes, intaktes Vorratsgefäß und einen ca. 1 m große Getreidemühle entdeckt. Archäologen behaupten immer, dass in der letzten Minute noch Entdeckungen kommen – und genau so bestätigte es sich jetzt. Wir konnten die Funde aber dann nicht mehr bergen, denn vorher müssten sie erst genau aufgenommen, vermessen, gezeichnet und fotografiert, werden, und dafür war nun keine Zeit mehr. So blieb nichts anderes übrig, als sie wieder mit Erde zuzuschütten, und zwar so, dass es aussieht, als wäre hier noch nicht weitergegraben worden. Nun wissen wir also schon, was wir nächstes Jahr als erstes finden werden (hoffentlich sind die Sachen dann noch da!), wenn wir zur nächsten Grabungssaison wiederkommen. Dass die Grabung nächsten Sommer fortgesetzt wird, steht nämlich schon fest. Wenn jemand Lust bekommen hat: Freiwillige dürfen auch dann gerne mitmachen!

 

Einen ziemlich außergewöhnlichen Höhepunkt gab es dann noch am Sonntag: Wie in der letzten Rundmail schon angekündigt, sollte der israelische Staatspräsident Mosche Katztav zu einer Besichtigung des Tells kommen, und er kam tatsächlich. Da ich hier im Rahmen eines deutsch-israelischen Gemeinschaftsprojekts tätig bin, luden wir auch den deutschen Botschafter, Rudolf Dressler, ein, und auch der kam. Außerdem noch der Präsident der Bar-Ilan-Universität (die die Grabung organisiert), der Direktor der „Deutsch-israelischen Stiftung für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung“, die unser Philister-Projekt finanziert (und der ich derzeit eine halbe Stelle verdanke), der Direktor der israelischen Altertümerbehörde und der Vorsitzende des hiesigen Regionalbezirks (sowas wie ein Landrat); ach ja, und der Präsident brachte auch die First Lady, Gila Katzav, mit. Erfreulicherweise kam auch Scheich Yunis el-Azi, das Oberhaupt des arabischen Beduinenclans, der hier in der Gegend lebt. Zu dem habe ich inzwischen gute Beziehungen aufgebaut. Und nachdem der kein Problem damit hatte, das israelische Staatsoberhaupt herzlich zu begrüßen, hatte ich auch keins. Auch die Verwandtschaft in Nablus sieht das Ganz übrigens erfreulich nüchtern: in erster Linie als große Ehre für mich, und außerdem meinen sie (völlig zu Recht), dass es dem Grabungsprojekt – und damit auch mir - ja nur nützen kann.

            Sehr überrascht hat mich, dass im Vorfeld des Besuchs kaum Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden. Die holprige Sandstraße, die zum Tell führt, wurde ein bisschen ausgebessert. Kein Mensch hat kontrolliert, wer eingeladen wurde; das waren alle, die zum Grabungsteam gehörten, und wer wollte, konnte auch jemand mitbringen. Ich bin mit meinem Mietwagen gekommen (den ich rein theoretisch auch voller Sprengstoff hätte packen können). Es gab keine Metalldetektoren, keine Personenkontrollen – nichts. Nur Sicherheitspersonal stand rum, meinte, wir sollten unsere Rucksäcke etwas zur Seite stellen, und schauten sonst nur, dass sich niemand mehr näherte, während der Präsident da war. Ohne Zweifel hätte das ganz anders ausgesehen, wenn Ministerpräsident Scharon gekommen wäre – der ja als höchst gefährdet gilt (gerade jetzt im Zusammenhang mit dem geplanten Abzug aus Gaza); dem Präsidenten scheint aber offenbar niemand was zu wollen. Er ist auch, bei allem Respekt, nicht gerade eine der charismatischsten Figuren der israelischen Politik, und ist vor ein paar Jahren eigentlich völlig unerwartet zu diesem Amt gekommen, für das eigentlich Schimon Peres vorgesehen war – dem ich am Sonntag entschieden lieber die Hand gegeben hätte.

            Immerhin hob Katzav in seiner Ansprache (aus der im Übrigen hervorging, dass er auch von Archäologie nicht viel versteht) die Kooperation mit München ausdrücklich hervor und bezeichnete sie als Modell, dem seiner Meinung nach alle Universitäten in Israel folgen sollten. Eigentlich noch wichtiger war, dass ich den Direktor dieser Deutsch-israelischen Stiftung kennen lernen konnte, und dass dem unser Projekt ebenfalls besonders am Herzen zu liegen scheint. Das hat damit zu tun, dass es im Rahmen dieser Stiftung nur relativ wenig Projekte aus dem Bereich der Geisteswissenschaften gibt (über 90% machen Naturwissenschaften, Technik, Wirtschaftswissenschaften und Medizin aus), und dass so eine Grabung immer gut für repräsentatives Bildmaterial ist (anderes als reine Büro- oder Laborprojekte). Im Dezember diesen Jahres sollen 40 Jahre deutsch-israelische Beziehungen gefeiert werden, und in dem Zusammenhang möchte er daraus eine Art Vorzeigeprojekt im Wortsinn machen. Das freut mich deshalb besonders, weil das Projekt zunächst auf drei Jahre begrenzt ist, wir aber danach versuchen wollen, ein Langzeit-Projekt daraus zu machen. Und dabei kann uns dieser ganze Rummel nur nützen.

            Der deutsche Botschafter, Rudolf Dressler, kam ganz allein, ohne Gefolge, sogar ohne Chauffeur (er fuhr seinen Wagen selbst), und ohne Übersetzer – und da nur Hebräische gesprochen wurde, musste ich ihm alles simultan übersetzen. Er ist seit fünf Jahren im Land, aber in drei Wochen endet seine Dienstzeit, dann geht er in Ruhestand. Schade, denn persönliche Beziehungen zur Botschaft in Tel Aviv wären natürlich auch schön gewesen.

            Nach den Reden wurden die wichtigsten Funde hergezeigt – in erster Linie natürlich die Inschrift – es gab Erfrischungen, dann wurde ein kleiner Teil des Geländes besichtigt, sehr viel fotografiert und viel Hände geschüttelt.

           

Am Sonntag Nachmittag dann habe ich – zu Feier des Tages – zum ersten und letzten Mal im Swimming Pool des Kibbutz gebadet. Die ganzen vier Wochen waren derart intensiv (siehe die vorigen Rundmails), dass ich noch kein einziges Mal dazu gekommen war! Am Montag habe ich den Kibbutz dann verlassen und bin nun wieder in Nablus bei der Familie, in der Hoffnung auf eine einigermaßen erholsame Zeit. Anschließend sind dann noch ein/zwei Wochen gemeinsam in Jerusalem geplant. Für den Rückflug – spätestens am 7. September – müssen wir dann wieder rechtzeitig zurück nach Jordanien.

 

 

Bis zur nächsten Rundmail,

herzliche Grüße,

 

Stefan