Grüße aus Jerusalem! Samstag, 27. August
Wir sind inzwischen in Jerusalem. Ich sitze im Lutherischen Gästehaus, einem wunderschönen alten Haus im Armenischen Viertel der Altstadt, wenige Schritte von der Araratgasse, wo ich einmal mehrere Jahre lang gelebt habe. Nach der Grabung habe ich zwei Wochen in Balata bei Nablus, bei der Familie, verbracht, und anschließend sind wir nun zusammen noch für 1 Woche nach Jerusalem.
In Balata wollte ich nicht mehr allzu viel unternehmen, sondern in erster Linie ausruhen. Die Ausgrabung war enorm interessant, sehr erfolgreich, aber auch wahnsinnig anstrengend - siehe die letzten Rundmails. Ich fand einen schönen Platz in einem Zimmer, das von einem von Samahers Onkel als Büro genützt wird, mit Blick auf Weinreben über einer Terrasse. Dort schrieb ich einen Bericht über die Reise für die ABRAHAMS POST, das Infoblatt der FREUNDE ABREAHAMS e.V. – und der Einfachheit halber zitiere ich mich jetzt selber daraus mit ein paar Abschnitten:
Diese Zeilen schreibe ich in einem kleinen Dorf in Palästina, im August 2005. Das Dorf heißt Balata und liegt am Rand der Stadt Nablus, einer der größten Städte der sogenannten Westbank, zwischen Jerusalem und Galiläa, in einer Gegend, die in der Bibel, und nach offizieller israelischer Diktion auch heute wieder, „Samaria“ genannt wird. Ich bin hier in Balata, weil meine Frau aus diesem Dorf stammt, und wir, zusammen mit unseren zwei kleinen Kindern, die große Familie meiner Frau besuchen.
Vor zweitausend Jahren ist hier am Dorfbrunnen schon einmal ein Fremder einer einheimischen Frau begegnet. Die Frau war eine Samariterin und den Fremden nennt Johannes, der von der Begegnung berichtet, einen „Propheten“ und „Messias“ (Joh 4). Der Ort des Geschehens, der Brunnen, den einst der Patriarch Jakob gegraben haben soll, wird noch heute am Rand des Dorfes gezeigt, in einer Grotte unter einer (griechisch-orthodoxen) Kirche. Die Kirche wurde erst in den 1990er Jahren neu gebaut und erhielt eine Kuppel und zwei weithin sichtbare Kirchtürme, und das in unmittelbarer Nachbarschaft von mehreren Minaretten. (Warum nur muss ich dabei an Sendling denken?) Es ergibt ein wunderschönes Bild, finde ich.
Ganz in der Nähe befindet sich eine weitere heilige Stätte: das Grab des Josef, Sohn jenes Jakob, den laut Koran und Genesis seine Brüder nach Ägypten verkauft haben und den die Israeliten bei ihrer Rückkehr ins Land Kanaan auf dem Grund seines Vaters wiederbestattet haben. Freilich weiß niemand, ob das Grab authentisch ist; immerhin lässt sich seine Präsenz mindestens bis in byzantinische Zeit zurückverfolgen. Ganz unabhängig davon aber war es ein wunderschöner Ort mit einer zauberhaften Ausstrahlung: ein kleines Kuppelgebäude mit einem großen, alten Maulbeerbaum davor. Jahrhunderte lang haben die arabischen Dorfbewohner von Balata das Grab als das ihres koranischen Propheten verehrt und Reisende berichten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, dass gleichzeitig(!) auch Christen, Juden und Samaritaner hergepilgert sind und dort gebetet haben, jeder auf seine Weise. Dieser Zustand änderte sich, als eine Gruppierung von in diesem Fall extrem fanatischen, jüdischen Siedlern, die sich in der Umgebung von Nablus niederließen, das Grab exklusiv für sich beanspruchten und im Lauf der Zeit und unter Rückendeckung der israelischen Armee um das Grab herum eine Jeschiwa einrichteten, den Komplex mit einer Mauer und Stacheldraht umgaben. Muslimische Besucher waren nicht mehr willkommen und sie wagten sich auch kaum mehr in die Nähe des Ortes (der doch weiterhin in ihrem Dorf lag), aus Angst vor Schießereien, die dort tatsächlich immer öfter ausbrachen. Die Siedler wurden mit Steinen beworfen, die Soldaten schossen zurück. Der früher friedliche Ort wurde ein Herd der Gewalt, auf den sich zunehmend der Hass der Dorfbewohner richtete. Als während der 2. Intifada, in den letzten Jahren, die Armee von hier abgezogen wurde, stürmten sie das Grab und zerstörten es. Heute ist die Kuppel über dem Grab Josefs demoliert, das Gebäude eine verrußte, ausgebrannte Ruine. Vom Maulbeerbaum existiert nur noch ein einziges, getrocknetes Blatt, das ich mir bei einem meiner ersten Besuche hier vor fast 20 Jahren in mein Tagebuch geklebt habe. Ein tragisches und trauriges Bild, und ein Stück weit wohl auch ein sichtbares Symbol für das, was aus diesem Heiligen Land geworden ist. Mich schmerzt der Anblick ganz besonders, denn dass wir unseren ersten Sohn Josef genannt haben, hat auch mit diesem Ort zu tun. Es bleibt die Hoffnung, dass unser Josef eines Tages erleben wird, wie das Josefsgrab im Heimatdorf seiner Mutter wieder restauriert und von Muslimen, Juden, Samaritanern und Christen gemeinsam verehrt werden wird.
Zu Balata gehört schließlich noch der Tell, der antike Siedlungshügel. Er liegt gleich hinter dem Haus, in dem ich schreibe, und hat Überreste der kanaanäischen Stadt Sichem zu bieten, die eigentlich mit zum Beeindruckendsten zählen, was das Land an archäologischen Sehenswürdigkeiten zu bieten hat (und das ist eine ganze Menge!). Trotzdem kommen seit Langem so gut wie keine Touristen mehr hierher, was bis vor ein, zwei Jahren auch durchaus verständlich war, inzwischen aber wieder möglich und für die Menschen hier enorm wichtig wäre.
Auf den Tell Balata bin ich ein paar Mal mit Josef spazieren gegangen, der dort alte Tonscherben gesammelt hat. Und ein paar Mal hat mich mein Freund Issam zu archäologischen Exkursionen in der Umgebung mitgenommen, über die auch noch eine Menge mehr zu erzählen wäre, als hier Platz ist. Issam ist einer der Onkel meiner Frau Samaher; ihn kenne ich seit 1988 und ihm verdanke ich den Kontakt zu dieser Familie – mit allen Konsequenzen… - Ein paar Mal haben wir auch die Altstadt von Nablus besucht. Sie gilt seit jeher als Hochburg des Widerstands gegen jede Form von Fremdherrschaft – sei sie türkisch, britisch, jordanisch oder israelisch, und ist sicherlich einer der spannendsten Orte im Nahen Osten. Wunderschöne, alte arabische Architektur, teilweise aber zerstört durch israelische Bombardements; und an fast jeder Hauswand kleben Poster von so genannten „Märtyrern“: manchmal (viel zu oft!) tatsächlich unschuldige Opfer der Kämpfe, z.T. aber eben auch sehr eindeutig (mit Maschinengewehren, Sprengstoffgürteln und dazu Koranzitaten…!!) Terroristen, die ihren Teil zu eben jenen zerstörerischen Kämpfen beigetragen haben. Es gibt auch zahlreiche Mahnmale in der Altstadt, die die Erinnerung an diese „Helden“ feiern…
Während wir in Nablus waren, spielte sich der Abzug der Israelis aus dem Gazastreifen ab – was in Israel sehr sehr viel Aufregung verursachte, in Nablus aber gar nicht so besonders beachtet wurde. Im Haus der Familie in Balata schaut man auch kaum noch Nachrichten – denn man will es gar nicht mehr so genau wissen, was sich alles abspielt und – so ist mein Eindruck – man zieht es vor, sein lieb gewonnenes Weltbild: „arabisch ist gut und jüdisch ist böse“, lieber nicht mit der unter Umständen nicht immer ganz so schwarz/weißen Realität zu konfrontieren. Und wenn, dann nur, wenn sie dieses Weltbild bestätigt – und das geschah in diesen Tagen reichlich durch diesmal jüdische Terroristen (Siedler aus der Umgebung von Nablus), die zwei Mal unschuldige Palästinenser ermordeten.
Am vorigen Sonntag, 21. August, sind wir dann nach Jerusalem gefahren, was auch wieder einigermaßen aufregend war. Denn Samahers deutscher Pass wird von den Israelis offiziell nicht anerkannt. Da sie in Nablus geboren wurde, gilt sie in Israel zeitlebens als Palästinenserin, ganz egal, welche Staatsbürgerschaft sie hat! Und als Palästinenserin darf sie sich nicht ohne spezielle Genehmigung (die kaum zu erwirken wäre) in Jerusalem aufhalten. Trotzdem kamen wir alle vier komplett hierher, indem ich erst alleine mit den üblichen arabischen Taxis bis Jerusalem gefahren bin, dort wieder ein Auto mit gelbem, israelischem Nummernschild gemietet habe, und mit diesem Auto dann Samaher und die Kinder am Checkpoint am Stadtrand von Nablus abgeholt habe. Autos mit gelben Nummernschildern werden dann nämlich normalerweise nicht mehr kontrolliert und so konnten wir tatsächlich ungehindert alle übrigen Checkpoints passieren – was letztlich zeigt, wie unsinnig das Ganze im Grunde ist.
A propos unsinnig: Um nun wieder über Jordanien zurück reisen zu können, brauchen wir ein jordanisches Visum. Es gibt mehrere Grenzübergänge nach Jordanien, aber da Samaher auf israelischer Seite, wie gesagt, als Palästinenserin gilt, darf sie nur eine Jordanbrücke benützen (dieselbe, über die wir eingereist sind), in der Nähe von Jericho. Die aber wird von Jordanien nicht als internationale Grenze anerkannt, weil auf der anderen Seite besetztes Gebiet, nicht Staat Israel, ist. Deshalb wird dort kein jordanisches Visum vor Ort ausgestellt (wie an allen anderen Grenzübergängen), sondern man muss das jordanische Visum schon im Pass haben, wenn man dort zur Brücke=Grenze kommt. Also wollten wir bei der der jordanischen Botschaft in Tel Aviv unsere Visa bekommen. Aber: in den Kinderausweisen von Josef und Adam sind nur zwei Seiten für Visa vorgesehen. Jeweils eineinhalb Seiten hat aber schon das jordanische Visum, das die Kinder bei der Einreise am Flughafen von Amman, zu Beginn der Reise, bekamen, beansprucht – denn so ein jordanisches Visum besteht auch ca. 5 Stempel plus zwei Briefmarken, die großzügig verteilt wurden. Nun fand der jordanische Konsul, dass da kein Platz mehr für ein weiteres Visum zur Rückkehr nach Jordanien wäre und verlangte allen Ernstes, dass wir neue Kinderausweise ausstellen ließen! Dabei sind die Ausweise nagelneu und wurden eben erst für diese Reise ausgestellt. Es blieb nichts anderes übrig, als bei der deutschen Botschaft in Tel Aviv neue zu beantragen. Die hatte natürlich an diesem Tag bereits geschlossen (immer nur 9.00 – 12.00 Uhr), und so verbringen wir einen beträchtlichen Teil unseres Jerusalemaufenthaltes mit wiederholten Fahrten nach Tel Aviv. Die Kinderausweise mussten erst über das KVR München rückbestätigt werden usw. usf. Am Freitag (gestern) bekamen wir sie, doch die jordanische Botschaft ist am heiligen Freitag geschlossen. So werden wir morgen ein weiteres Mal nach Tel Aviv fahren…
Übermorgen hoffen wir dann, planmäßig und mit Visa nach Amman in Jordanien reisen zu können. Am Mittwoch, 31.8., geht von dort aus unser Rückflug nach München. Von Jerusalem selbst habe ich nun gar nicht mehr berichtet. Es waren teilweise sehr schöne, aber auch wieder sehr sehr intensive, anstrengende Tage. Für mich waren die Besuche und Begegnungen mit vielen alten Freunden Höhepunkte. Die Zeit – 1 Woche – war dafür viel zu kurz. Vieles, was ich noch tun und sehen und erledigen wollte, bleibt künftigen Besuchen vorbehalten, und ich bin fest entschlossen, dass ich nie wieder so viele Jahre verstreichen lassen will, wie vor diesem Besuch (6 Jahre seit unserer Hochzeit 1999), bis ich das nächste Mal wieder nach Jerusalem komme.
Eine nächste Gelegenheit wird sicher die nächste Grabungssaison auf dem Tell es-Safi im Sommer 2006 bieten. Und angedacht ist bereits eine Reise der FREUNDE ABRAHAMS e.V. nach Israel/Palästina ebenfalls nächstes Jahr. Wer Lust bekommen hat, dieses Land – wie diese Rundmails vielleicht gezeigt haben: sicherlich eines interessantesten und aufregendsten Länder dieser Welt - auf eine Weise zu besuchen, wie übliche Katalogreisen sie nicht bieten können, kann ja schon mal überlegen, ob er/sie nicht mitkommen möchte. Alles Nähere dann, wenn wir hoffentlich ab September wieder daheim sind, inschallah.
Bis dahin viele Grüße, Salaam und Schalom aus Jerusalem!
Stefan |